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Das Klassenzimmer ohne Wände: Vom natürlichen Lebensraum zum lebendigen Lernraum

Hand aufs Herz: Wer das Titelbild dieses Artikels sieht, denkt sofort an ein unberührtes Wildnis-Märchen tief in fernen Wäldern: Ein weißer Hirsch! Ein absoluter Eyecatcher, den man in freier Wildbahn quasi nie vor die Linse bekommt. Doch die Realität hinter diesem Foto ist viel pragmatischer – und genau hier beginnt unsere Geschichte, die uns über ein scheinbares Fabelwesen die Augen für die echte Natur direkt vor unserer fränkischen Haustür öffnen soll. Dieser majestätische Bursche stand nämlich nicht im tiefen, unberührten Dickicht, sondern im Wildgehege Hufeisen, mitten im Veldensteiner Forst.

Und das ist überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil: Es ist der perfekte Einstieg in eine Entdeckungsreise, die unsere fränkische Heimat von einer ganz neuen Seite zeigt. Denn während wir insgeheim von der Begegnung mit solchen „Fabelwesen“ träumen, laufen wir im Alltag oft völlig blind an den echten Wundern vorbei. Eichhörnchen flitzen durch den Bamberger Hain, der Igel raschelt im heimischen Garten, der Siebenschläfer feiert Partys auf dem Dachboden und der Feuersalamander wartet am feuchten Waldweg. Wir sehen sie zwar, aber verstehen wir auch, wie sie leben?

Tatsächlich ist es doch so, dass uns im Alltag oft das Wissen über ihre konkreten Lebensräume fehlt. Genau hier setzt die Wildtierpädagogik als gezielter Teil der modernen Umweltbildung an: Sie spannt den Bogen weg vom reinen Postkarten-Staunen, hin zum echten Begreifen der Lebensweise unserer tierischen Mitgeschöpfe.

Naturerlebnisse vor der Haustür

Dass man für diese Aha-Momente gar nicht tief in die Wildnis reisen muss, beweisen die regionalen Exkursionen in den Lebensraum unserer heimischen Wildtiere. Neben den Angeboten der vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz getragenen Umweltstation Fuchsenwiese organisiert beispielsweise die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt Bamberg regelmäßige Führungen. Jede Wiese, jeder Garten und jeder Waldweg verwandeln sich dabei in ein echtes Klassenzimmer ohne Wände, in dem biologische Zusammenhänge plötzlich greifbar und damit begreifbar werden.

Wie lebendig so etwas abseits starrer Lehrbücher laufen kann, zeigte jüngst eine Fledermaus-Wanderung der Naturschutzbehörde, die von der Fledermaus-Expertin Viktoria Lissek fachkundig geleitet wurde. Während die Gruppe am Treffpunkt in Melkendorf wartete und die Ultraschalldetektoren noch eingepackt waren, gab es schon auf meinem Weg vom Parkplatz im Dorf hin zum Treffpunkt das erste große Highlight. Mitten auf dem Asphalt saß im dämmrigen Abendlicht, gezeichnet vom vorherigen Regen, ein durchnässter, aber prachtvoller Falter: eine Spanische Flagge, auch als Russischer Bär bekannt.

Ich habe den farbenfrohen Kerl vorsichtig aufgelesen, damit er im Trockenen ein bisschen zu Kräften kommen konnte, und habe ihn mit zum Treffpunkt gebracht. Dort wurde der gerettete Falter zur absoluten Sensation. Vor allem die Kinder waren völlig begeistert, als er über ihre Hände krabbelte. Genau hier zeigt sich, wie man die nächste Generation positiv beeinflussen kann, damit sie einen besseren Bezug zu unseren Mitgeschöpfen entwickelt. Jeder spricht heute über Nachhaltigkeit – aber genau bei solchen greifbaren Momenten fängt sie an.

Das Staunen war kaum abgeklungen, da folgte nahtlos die eigentliche Hauptattraktion: Viktoria Lissek hatte Anschauungsmaterial zum Herumreichen und sogar eine kleine, lebendige Fledermaus aus einer Pflegestation dabei – eine Zwergfledermaus. Dieses winzige Tier so hautnah live zu sehen, war vor allem für die Kinder die nächste Sensation. Die Expertin nutzte den Moment, um die Lebensweise dieser faszinierenden Nachtjäger zu erklären – was sie fressen, wo sie den Winter verbringen und wie sie sich in der Dunkelheit orientieren.

Erst nach dieser packenden Einführung ging es in die Dunkelheit, um die lautlosen Flüge der Fledermäuse zu beobachten. Ausgerüstet mit einem speziellen Ultraschalldetektor als Tablet-Aufsatz konnten wir ihre für uns sonst unhörbaren Ortungsrufe live einfangen. Das Gerät wandelte die Signale direkt in Grafiken und hörbare Töne um, sodass wir die unterschiedlichen Fledermäuse in ihrem natürlichen Lebensraum nicht nur erleben, sondern auch direkt spezifizieren konnten.

Der sichere Blick ins wilde Unterholz

So faszinierend diese Erlebnisse unter freiem Himmel auch sind – wir können nun mal nicht alle Tiere im tiefen Wald aus nächster Nähe beobachten. Bei manchen Arten wäre das für Mensch und Tier schlicht viel zu gefährlich. Wer beispielsweise versucht, den scheuen Mufflons rund um Melkendorf im Dickicht nachzustellen oder einer Wildschweinbache mit ihren Frischlingen im dichten Unterholz nahezukommen, bringt sich schnell in echte Gefahr.

Hier schließt ein weitläufiger, naturbelassener Raum wie das Wildgehege Hufeisen eine wichtige Lücke für die Wildtierpädagogik. Statt einer künstlichen Zoo-Atmosphäre erwartet die Besucher hier ein Stück echter, geschützter Wald, der sichere Begegnungen auf Augenhöhe ermöglicht. Die dort installierten forstlichen Lehrpfade unterstützen dieses Konzept perfekt: Über interaktive Thementafeln und hölzerne Drehräder, bei denen man Futterarten oder Tierspuren aktiv zuordnen muss, werden die biologischen Hintergründe spielerisch begreifbar.

Im Gehege bietet sich die Chance, die echte Lebensrealität dieser Tiere hautnah und absolut sicher zu studieren. Wer dort eine Bache dabei beobachtet, wie sie mit einer Schnauze voll Nestbaumaterial fürsorglich den Kessel für ihre drei gestreiften Mini-Wildschweine vorbereitet, vergisst das so schnell nicht wieder. Das Hufeisen macht Verhaltensweisen sichtbar, die uns im normalen Waldalltag verborgen bleiben müssen und schafft so den nötigen Platz für echtes Verständnis.

Gelebte Wildtierpädagogik: Klein und wild auf sieben Hügeln

Mit diesem Blick für das Ganze schließt sich der Kreis zu unserer Arbeit bei den Wildtierfreunden Bamberg. Unter unserem Slogan „Klein und wild auf sieben Hügeln“ widmen wir uns der gelebten Wildtierpädagogik: In spezialisierten Pflegestellen kümmern wir uns ehrenamtlich um verletzte Eichhörnchen, Igel, Siebenschläfer und Singvögel, beraten Finder im akuten Notfall und vernetzen uns für Arten wie die Fledermäuse eng mit anderen Experten.

Hinter unserer pädagogischen Arbeit steckt nicht nur graue Theorie, sondern das fundierte Wissen aus einer mehrjährigen Praxis. Während Juliana Neumayer bereits vor der Vereinsgründung die fachliche Arbeit in den Kitas und Schulen aufgebaut und mit Leben gefüllt hat, war es mir als Initiator der Wildtierfreunde Bamberg eine persönliche Herzensangelegenheit, die Vereinsgründung inklusive der Ausarbeitung der Satzung so zu begleiten, dass der geschaffene Rahmen unseren Referenten heute nachhaltig den Rücken stärkt.

Weil man aber nicht jeden Tag mit einer ganzen Gruppe draußen im Wald stehen kann, bringt das Team unseres Vereins diesen Lebensraum einfach direkt zu den Menschen: Die Referenten halten fachkundige Vorträge in den Kitas, Schulen und Unternehmen in der Region und bringen echtes Anschauungsmaterial mit, um vor Ort fundiert und greifbar aufzuklären (wobei lebende Tiere nicht zu Vorträgen mitgenommen werden).

Das Team zeigt bei den Einsätzen vor Ort auf charmante Weise, dass jedes noch so kleine Tier eine tragende Rolle in unserem fränkischen Ökosystem spielt. Am Ende geht es nämlich um den ganz großen Aha-Effekt: Wir Menschen sind kein unbeteiligtes Publikum, das von außen auf die Natur draufguckt. Wir stecken mittendrin. Und wer das einmal verstanden hat, sieht beim nächsten Waldspaziergang nicht mehr nur Bäume – sondern einen lebendigen, schützenswerten Lebensraum voller Mitgeschöpfe.


Interesse an unseren wildtierpädagogischen Bildungsangeboten?
Ob Kindergarten, Schulen, öffentliche Institution oder Unternehmen – wir besuchen euch gerne direkt vor Ort und klären fundiert mit Anschauungsmaterial auf. Anfragen für unsere Vorträge nehmen wir jederzeit gerne über unser Kontaktformular entgegen.

Mit wildtierfreundlichen Grüßen
Thomas Kreuzler
Initiator der Wildtierfreunde Bamberg
Leiter der VIDANANDA Akademie für Potenzialentfaltung

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